Wir haben Arbeit! | NZ #5

Glück gehabt, würde ich sagen. Oder, wie die anderen meinen: „Dreistigkeit siegt“. Brian hat uns einen Job organisiert! Nun gut, eigentlich nicht uns, aber wir waren in der richtigen Zeit am richtigen Ort, und sind nun seit Anfang der Woche fleißig am Arbeiten.

Unser Alltag gestaltet sich seitdem wie folgt: Viertel vor sieben klingelt der Wecker, dann wird gefrühstückt, ein Tee getrunken (sich Instant-Kaffee zu kaufen, ohne vorher jemanden nach der besten Sorte zu fragen, ist keine gute Idee) und Lunch vorbereitet. Brian fährt uns zur Plantage, Arbeitsbeginn ist um acht.

Kiwis wachsen auf Bäumen, die auf den Plantagen ähnlich wie Wein gezüchtet werden (sie sehen eher aus wie Rank-Pflanzen). Im April ist Erntezeit. Unsere Aufgabe ist es, die kleinen oder deformierten Kiwis zu pflücken, damit die guten und großen Früchte genug Platz und Energie zum Wachsen haben. Im Umkehrschluss heißt das: Ein Drittel der Kiwis, die auf der Plantage wachsen, werden durch das sogenannte kiwi-thinning schon vor der Ernte abgepflückt.

Wie alle anderen Backpacker-Jobs in der Landwirtschaft ist unsere Arbeit sehr, sehr (wirklich sehr!) stupide. Ich mache den ganzen Tag das gleiche, und habe viel zu viel Zeit über alles und jeden nachzudenken. Das strengt mich am meisten an. Sonst ist die Arbeit, verglichen mit anderen Jobs, in Ordnung. Wir stehen zwar die ganze Zeit mit dem Kopf im Nacken unter den Kiwi-Bäumen, mit den Armen in der Luft, und ich hatte schon nach dem dritten Tag ordentliche Nackenschmerzen, aber es wäre zum Beispiel noch viel anstrengender, als Zucchini- oder Erdbeer-Pflücker zu arbeiten. Da würde ich den ganzen Tag in der Hocke verbringen. So gesehen ist unser Job wirklich ein Glücksgriff.

Unsere Kollegen, drei „native Newzealanders“, die mir am Anfang etwas suspekt waren, sind in Wirklichkeit sehr angenehme Zeitgenossen. Dagegen ist unser Arbeitgeber eher unsympathisch … nun ja, sagen wir es klar und deutlich, er kümmert sich einen feuchten Dreck um uns. Meistens werden wir ignoriert.

Einen Arbeitsvertrag haben wir zwar bekommen (auf Nachfrage, versteht sich), aber das Bedürfnis, uns irgendwelche weiteren Informationen zu geben, scheint er nicht zu verspüren. Überhaupt haben wir erst einmal nur durch unsere Kollegen erfahren, wie lange wir arbeiten (acht Stunden täglich, sieben Tage die Woche – solange es nicht regnet), und wie viel wir verdienen (Mindestlohn, also 14,75 Dollar die Stunde, abzüglich der Steuern).

Überhaupt ist das mit festen Regeln in Neuseeland so eine Sache. Unseren Kollegen, der fünf Minuten nach Arbeitsbeginn schon seinen ersten Joint durchzieht, scheint es jedenfalls nicht zu stören, dass Rauchen auf der Plantage verboten ist.

Gestern habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die eine gute Atmosphäre schaffen. Ich langweile mich fürchterlich, und die Zeit auf der Plantage will einfach nicht vergehen, aber ich würde nicht in einem abwechslungsreicheren Job mit unfreundlichen Kollegen arbeiten wollen.

Nun versuche ich, das Beste aus meiner Situation herauszuholen. Ich verbessere mein Englisch (und erfahre dabei sehr interessante Dinge über unsere neuseeländischen Kollegen – wer hätte gedacht, dass James, ein schon etwas älterer, ergrauter Einheimischer, heimlicher Rock- und Metalfan ist, und nach Beendigung seines Jobs erst einmal surfen geht?), lerne, wenn auch unfreiwillig, die Lieder der Playlist meines iPods auswendig (ja, zum Glück dürfen wir Musik hören), und plane gedanklich meine Reiseroute.

Alles in allem geht es mir gut. Gerade sitze ich in der Küche und habe meine erste Einkaufsliste auf Englisch verfasst, Arbeitsbeginn ist heute erst um elf durch schlechtes Wetter.

Eigentlich möchte ich euch noch viel mehr über meine Erfahrungen an der Arbeit und hier im Hostel erzählen, aber es ist schwer, alles in Worte zu fassen. Außerdem würde es den Speicherplatz dieses Beitrages sprengen.

Deswegen wünsche ich euch erst einmal ein schönes und entspanntes Wochenende, genießt eure freie Zeit (und die Zeit, die ihr allein verbringen könnt – ich lerne sie jeden Tag mehr zu schätzen).

Ganz liebe Grüße von Katinka aus Kerikeri!

(Bilder von der Plantage folgen.)

2 Gedanken zu “Wir haben Arbeit! | NZ #5

  1. Das erinnert mich ja so sehr an meine Kindheit: In der Erntezeit jeden Nachmittag Ähren lesen mit nackten Füßen auf dem Stoppelfeld – das hat gepiekst!!! Aber auch das ist vergangen und hat mich eigentlich stark gemacht, unter anderem. Man kann am Ende stolz sein, wenn man auch mit dem weniger Angenehmen fertig geworden ist, dazu wünschen wir Dir Mut und Kraft und auch Freude mit Deinen Freunden. Es grüßen Dich ganz lieb Deine Oma und Heiner
    PS. Haben am Wochenende mit Jannnah und Lonneke Butterplätzchen und Nüsse gebacken und zu Heiners Bratschenspiel Weihnachtslieder gesungen. War sehr schön.

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