Tabuthema: Auslandsaufenthalt abbrechen

„Was machst du nach der Schule?“
„Ich will erstmal ins Ausland, frei sein, die Welt entdecken. Gleich ein Studium anfangen? Nicht mit mir.“

Neuseeland, Australien, Amerika, Afrika, Asien: Nach dem Schulabschluss liegt uns die Welt zu Füßen. Wir können von zu Hause abhauen und unser eigenes Ding durchziehen. Erfahrene Reisende machen uns Mut. Oft heißt es:
„Neuseeland, das war die beste Zeit meines Lebens“, oder
„Mach das unbedingt, wenn du Zweifel hast, zwing dich dazu, du bereust es sonst“.
Viele erzählen stolz von ihren Abenteuern, vom Arbeiten auf einer Kiwi-Plantage, Surfen an der Küste und Wandern auf Vulkanen. Noch nie hat jemand zu mir gesagt: „Ich habe meinen Auslandsaufenthalt abgebrochen. Überlege dir gut, ob du mit 18 Jahren allein ans andere Ende der Welt fliegen willst“.

Nach sieben Wochen beendete ich meine Reise durch Neuseeland. Ich fühlte mich wie ein Loser. Und allein mit meinem Entschluss, abzubrechen. Dass es vielen anderen genauso geht wie mir, habe ich erst später verstanden. Weil darüber nicht geredet wird. Klar war es unangenehm, Freunden, ehemaligen Lehrern und der Familie zu erklären, dass ich schon wieder zurück bin. Ich musste praktisch zugeben, versagt zu haben. Blöde Kommentare, peinliches Schweigen oder abfällige Bemerkungen sind da vorprogrammiert. Ich habe mich dafür geschämt, Schwäche zu zeigen. Jetzt ist das anders, ich stehe zu meiner Entscheidung. „Was, nicht mal zwei Monate, Fail“, kann ich mit einem lockeren „Na, wenn schon“ abtun. Ehrlich zu sein erfordert viel Mut, vor allem in einer Gesellschaft, in der nach Leistung, Perfektion und Durchhaltevermögen beurteilt wird.

Es ist gut zu wissen, nicht die Einzige zu sein. Da draußen gibt es mehr Personen, die sich vor dem ursprünglich geplanten Ende eines Auslandsjahres nach der Heimat sehnen, als ihr denkt. Auslandsaufenthalte abzubrechen ist kein Zeichen von Schwäche. Manche fühlen sich pudelwohl in der Fremde, andere brauchen ein bisschen länger, um sich von zu Hause zu trennen und die Welt allein, auf eigene Faust, zu erkunden. Das ist völlig in Ordnung. Macht euch keinen Druck. Unser Leben besteht nicht nur daraus, Erfolge zu erzielen. Du musst selbst dafür sorgen, dass es dir gut geht, und wenn du lieber später noch einmal versuchen möchtest, allein zu reisen, dann mach das auch. Was die anderen denken, das ist doch egal.