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Eine Geschichte | Adventskalender Türchen 8

Heute möchte ich euch eine Geschichte erzählen. Naja, eigentlich wurde sie schon erzählt. Von einem Mann, der Henning Sußebach heißt. Vor drei Jahren, in einer Zeitung. Die Geschichte ist so schön, so wunderbar, dass ich finde, ihr alle solltet sie lesen. Es geht um Verzicht und Vertrauen. Vertrauen wächst, dachte ich, nur langsam. Vertrauen, dachte ich, haben wir nur gegenüber Menschen, die wir wirklich kennen – zu Recht. Aber so ist das nicht. Auch Fremden können wir vertrauen, vorausgesetzt, wir haben keine Angst vor ihnen. Vorausgesetzt, wir sehen nicht nur Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten. Vorausgesetzt, wir versuchen, zu verstehen. Eigentlich ist uns das Unbekannte doch nur so lange unheimlich, bis wir es näher kennenlernen. Vorurteile verschwinden, wenn wir vertrauen. Und die Welt wäre schöner, wenn wir alle ein bisschen mehr so wären, wie Josef Heeg.

Die helle Welt des Josef Heeg

Josef Heeg war guter Dinge an dem Tag, als ihm die Sache mit den Rumänen widerfuhr. Er hatte seine alte Mutter in Aschaffenburg besucht, in einem Gasthof Spätzle mit Schmelz gegessen und dazu ein Bier getrunken. Eine gute Glücksgrundlage. Jetzt war er unterwegs nach Hause, mit seinem grauen Renault auf der Autobahn 3 in Richtung Osten. Heeg lebt in Waldbüttelbrunn in Unterfranken, Ausfahrt Helmstadt. Als Heeg abfuhr, war es schon dunkel. In der Kurve, auf dem Seitenstreifen, sah er Warnblinker aufleuchten. Ein Kleinlaster mit fremdem Kennzeichen. Es war der 22. Dezember 2013, sechs Uhr abends.

Josef Heeg, 60 Jahre alt, Sonderschullehrer in Frühpension, hätte weiterfahren können. Doch Heeg – der selten schneller fährt als hundert Stundenkilometer, weil ihn die Eile in der Welt ein wenig graust – hielt an.

Als er ausstieg, standen da drei Männer um die 50 und unterhielten sich in einer Sprache, die er nicht verstand. Heeg fragte sie auf Englisch, ob er helfen könne. Die drei Männer sagten, ihr Wagen habe einen Getriebeschaden. Sie seien Handwerker aus Rumänien, auf Rückreise von einem Job in England. Bis auf etwas Spritgeld hätten sie ihren ganzen Lohn schon nach Hause geschickt.

Josef Heeg hätte den Pannenservice rufen können. Doch Heeg – der von sich sagt, er glaube von einem Menschen stets das Beste – bat einen der drei Männer in sein Auto und fuhr zu sich nach Hause, Werkzeug holen.

Als Heeg und „John“, so nannte sich der Unbekannte, wiederkamen, war es sieben. Der Reparaturversuch schlug fehl, es wurde acht. Um neun kam dann die Polizei. In Heegs Erinnerung beschränkte sich die Hilfe der Beamten auf Beschimpfungen von „Rumänen“ im Allgemeinen und deren „Schrottkisten“ im Speziellen. Die Polizisten riefen einen Abschleppwagen. Heeg fragte, was mit den Männern werden solle in der Nacht, und bekam zur Antwort: deren Sache.

Josef Heeg hätte jetzt, mit Worten des Bedauerns, alleine in sein Auto steigen oder die drei zum nächsten Rasthof bringen können. Doch Heeg – der sagt, statt zu bedauern, könne man einfach mal was tun – nahm die Männer mit nach Hause.

Als Heeg in seiner Wohnung ankam, kramte er Decken aus dem Schrank, zog das Schlafsofa auseinander, wärmte Essensreste auf und öffnete ein paar Bierflaschen. Am Esstisch grübelte er mit seinen Gästen, wie sie am nächsten Morgen nach Rumänien kommen könnten. Die Reparatur des Wagens würde dauern. Also einen Flug buchen? Einen Platz im Fernbus? Oder ein gebrauchtes Auto kaufen? Heeg sprach, die Männer aus Rumänien schwiegen meist. Sie hätten Heeg auf ihren Handys jetzt Familienfotos zeigen können, taten es aber nicht.

Josef Heeg hätte sich nun Sorgen machen können, als Auftakt einer durchwachten Nacht. Doch Heeg – der in seiner Küche sein Telefon, das Portemonnaie und alle Messer hatte offen liegen lassen – dachte, die armen Kerle seien einfach müde. Und glitt in den Schlaf.

Als Heeg am nächsten Morgen aufwachte, am 23. Dezember um acht Uhr, war es totenstill in seiner Wohnung. Auf Zehenspitzen schlich er durch den Flur, um einen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Dort schliefen auf dem Sofa die Rumänen.

Josef Heeg hätte die Fremden wecken können. Doch Heeg – Bruder von neun Geschwistern, Vater von sieben Kindern – ging leise aus dem Haus und fuhr zum Bäcker.

Als Heeg zurück nach Hause kam, war das Sofa leer, waren die Rumänen verschwunden, allerdings nur ins Bad. Zum Frühstück gab es frische Brötchen, selbst gemachten Honig und wieder diese eine Frage: Wie kommen die Rumänen die 1.700 Kilometer nach Bacău, bis hinter die Karpaten?

Josef Heeg hätte den Gedanken unterdrücken können. Doch Heeg – der sagt, die europäische Idee müsse man leben – sprach seinen Gedanken einfach aus: „Ich leihe euch mein Auto.“

Als „John“ ihm seine Adresse aufschrieb, sah Heeg nicht hin, ließ sich auch keine Pässe zeigen. Er sagte, dass der Tank voll sei und er sein Auto gern am 10. Januar des nächsten Jahres wiederhaben würde. Da fragte „John“: Was sollen wir machen, wenn wir an der Grenze in einem Auto kontrolliert werden, das nicht uns gehört?

Josef Heeg hätte jetzt noch Abstand nehmen können von der europäischen Idee und all seinen Idealen. Doch Heeg – der daran glaubt, dass Chancen Risiken meist überwiegen – gab „John“ seinen Fahrzeugschein.

Als die Rumänen am 23. Dezember um elf Uhr Waldbüttelbrunn verließen und Heeg seinen grauen Renault ein letztes Mal um die Straßenecke biegen sah, dauerte es nicht lange, bis ein großes Geraune seinen Heimatort erfüllte: Papa! Josef! Jupp! Das Auto siehst du nie wieder! Der Heeg, der spinnt! Heeg macht keinen Hehl daraus, dass er manisch-depressiv ist. Mit den Ärzten der Uni-Klinik Freiburg habe er die Krankheit aber in den Griff bekommen, sagt er. Seine Gefühlsschwankungen fallen seitdem nicht mehr so heftig aus. In depressiven Phasen ist er müde. In manischen Momenten sieht er die Welt ein wenig heller, als sie wirklich ist.

Josef Heeg hätte sich nun tagein, tagaus mit dem Gedanken martern können, aus einer Laune heraus sein Auto verschenkt zu haben. Doch Heeg – der seinem Umfeld genauso Diagnosen ausstellt wie es ihm – hielt sich fest an seinem Eindruck, dass die meisten Menschen die Welt ein wenig dunkler sehen, als sie wirklich ist.

Als Heeg am 10. Januar in seinem kleinen Garten auf der Leiter stand und einen Apfelbaum beschnitt, sah er durch das Geäst plötzlich seinen grauen Renault um die Ecke biegen. Hinter der Windschutzscheibe winkend: „John“. Es war zehn Uhr, das Auto vollgetankt und frisch gewaschen. Josef Heeg sagt heute, da sei er doch überrascht gewesen: Er hatte mit der Rückkehr seines Wagens erst gegen Nachmittag gerechnet.

Geschrieben von Henning Sußebach, erschienen in der ZEIT, Ausgabe 17/2014.

6 Gedanken zu “Eine Geschichte | Adventskalender Türchen 8

  1. Liebe Hannah,
    schade, dass Dein Blog sicher nicht von Leuten gelesen wird, die genau DIESE Geschichte ignorieren. Und mittlerweile im Bundestag sitzen. Oder von denen, die sie dahin gebracht haben.
    Danke für diese ganz spezielle Adventskalendertür.
    Liebe Grüße von Matthias
    (Spätestens seit 1985 Rumänien-„Kenner“)

    Gefällt 1 Person

  2. Die Geschichte rührt. Trotzdem sei die Frage erlaubt: warum war er manisch depressiv, warum konnte er seinen Job nur bis 60 ausführen. Lag das auch daran, dass er die Realität nicht immer richtig einschätzen konnte?
    r

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    • Vielleicht ist Herr Heeg manisch-depressiv, weil er weiß, dass viele Menschen andere verurteilen, ohne sie vorher kennengelernt zu haben. Vielleicht ist Herr Heeg manisch-depressiv, weil er weiß, dass viele Menschen noch nicht einmal versuchen, sich in andere hineinzuversetzen, und stattdessen gegen sie hetzen. Vielleicht ist Herr Heeg manisch-depressiv, weil er weiß, dass viele Menschen andere aus Angst um den eigenen Wohlstand fürchten und ihnen deshalb Hilfe und Sicherheit verwehren.

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      • Viele Menschen sind gleichermaßen sensibel wie Herr Heeg. Aber Gott sei Dank haben sie Strategien entwickelt, deshalb nicht manisch depressiv zu werden.

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