Halb zwölf. Von Disziplin und geringelten Strumpfhosen.

Manchmal wäre ich gern wieder sieben Jahre alt. Dann würden meine Eltern sagen: „Du musst ins Bett, es ist schon nach neun“, ich würde folgsam den Schlafanzug anziehen, (weniger folgsam) mein Bauernhofbuch aufklappen und mich mit ihm und einer Taschenlampe unter der Bettdecke verkriechen. Spätestens nach einer Viertelstunde wäre ich eingeschlafen.

IMG_2524

Leider sagt mir jetzt keiner mehr, wann es Zeit ist, ins Bett zu gehen. Und so sitze ich nun auf meiner Matratze, den Rücken an die Wand gelehnt, mit meinem Laptop auf dem Schoß und verfluche mich und meine (allem Anschein nach nicht vorhandene) Disziplin. Gleich halb zwölf.

IMG_2442

Wie geht das mit der Disziplin? Ich arbeite nicht gern, wenn meine Aufgabenliste so lang ist, dass ich Angst haben muss, sie nicht bewältigen zu können. Aber ein bisschen Druck brauche ich schon. Einen kleinen, sanften Stups. Der mich weckt, aus meinen Träumen zurück in die Wirklichkeit holt. Aufwachen! Es gibt viel zu tun!

IMG_2457C

Aber wie fängt man an, wenn man noch gar nicht anfangen muss? So rein theoretisch. Hat man am Ende dann mehr Zeit, für sich? Halb zwölf.

IMG_2565

Ist es überhaupt ratsam, alles im Voraus zu erledigen? Schließlich wäre die Zeit des Träumens dann vorbei – es gäbe immer etwas zu tun. Ehrlich Leute, das fände ich voll ätzend. So ätzend wie ein Samstag, an dem mich um sieben Uhr früh ein Müllauto weckt. So ätzend wie der Moment, in dem ich entdecke, dass jemand meinen Schoko-Osterhasen aufgegessen hat, ohne zu fragen. So ätzend wie die Fahrt in einer vollen Straßenbahn im Hochsommer. Viertel vor zwölf.

IMG_2708

Mir würde noch viel mehr einfallen, aber ich möchte lieber über schöne Sachen reden. Über Sonntage in der Großstadt, zum Beispiel. Da ist es endlich mal ruhig (oder fast). Es gibt Kaffee auf der Couch in der Küche, durch die gekippten Fenster kann man die Vögel zwitschern hören; sie sitzen in der Birke im Innenhof. Nach dem ausgedehnten Frühstück muss man … nichts tun – keine Termine, keine Verpflichtungen. Vielleicht hat man Lust, ein bisschen zu lesen. Zeitung oder das Buch, das schon ewig auf dem Nachttisch liegt. Der zweite Kaffee vertreibt die Müdigkeit nach dem Mittagessen und ein Spaziergang zum Eiscafé um die Ecke etwaige schlechte Laune. Fröhliche Menschen besetzen jeden Zentimeter des Parks nebenan mit ihren Decken und Kinderwägen; sie essen, reden, lachen. Ein Sonntag in der Großstadt ist fast so schön wie ein Sonntag in der Kleinstadt.

IMG_2412IMG_2473IMG_2413SW

Um zwölf. Und ich schweife ab. So viel also zu meiner Disziplin. Dafür fallen mir jetzt endlich die Augen zu. Morgen geht’s wieder früher ins Bett, mit einem Buch und nicht dem Laptop. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, kann ich die Sterne sehen. Es sind nur ein paar, aber ich kann sie sehen. Schlaft schön!

IMG_2740

P.S.: Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Arten von Disziplin. Die, welche von außen gefordert wird und die, welche von innen kommt. Erstere strengt mich an, letztere gehört zu mir wie diese geringelte Strumpfhose. Wir sind unzertrennlich. Zusammen können wir alles schaffen.

 

Ihr wollt wissen, wer die Bilder gemacht hat? Hier klicken.