Warum man sich selbst in den Hintern treten und einen Yoga-Kurs belegen sollte

Spürt in euren Körper hinein, lasst alles los … entspannt eure Schultern, euren unteren Rücken, euren Bauch.“ Jaja, ich entspanne mich total. „Den Atem langsam in euren Brustkorb ein- und zum unteren Bauch hin wieder ausfließen lassen.“ Wie, was? Wohin? Uhhh, da spüre ich was, doch, das ist … der Weißwein von gestern Abend, der ist mir überhaupt nicht bekommen. „Lasst die Gedanken, die jetzt kommen, einfach an euch vorbeiziehen. Lasst die Energie von eurem Kopf in den Körper wandern.“ Okay, ich versuchs mal. Wirklich. Schließlich habe ich mich hier freiwillig angemeldet. Also, Konzentration. Tief einatmen. Und aus. Und wieder ein. Aus. Heute Abend könnte ich Pizza machen. Au ja, Piiizza. Mit viel Käse. Und Oliven. Vielleicht lege ich auch ein paar getrocknete Tomaten drauf. Ohh, ich sehe es schon vor mir, das wird die beste Pizza der Welt. Vielleicht hat meine Mitbewohnerin Lust, mitzubacken. Ich könnte auch … halt! Ich soll doch nicht nachdenken. Verdammt, das ist wirklich viel schwerer, als es klingt. Versuch mal an keinen rosa Elefanten zu denken, wenn dir jemand sagt, du sollst an keinen rosa Elefanten denken. Bin ich hier eigentlich die einzige, die das mit der Entspannung und den vorbeiziehenden Gedanken nicht auf die Reihe bekommt? Einatmen, ausatmen. „Spürt ihr den Tonus im unteren Bauch?“ Nein. Oder doch? Was ist ein Tonus? „…als ob ihr euch eine enge Hose anzieht“ Ahh, damit kenne ich mich aus. Mit Strumpfhosen, zumindest. Einatmen, ausatmen. So langsam gelingt es mir tatsächlich, meinen Kopf aus- und meinen Körper anzuschalten. Die Luft hier drin ist nicht besonders gut, das Fenster auf meiner Seite weit geöffnet. Wenn ich jetzt in den Himmel schauen könnte, würde die Pizza-Wolke einfach an mir vorbeiziehen. Und die Elefanten-Wolke auch.

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Unsere Yoga-Lehrerin zeigt uns den Sonnengruß. Nach unten beugen, in den Liegestütz gehen, dann kommt die Kobra und der herabschauende Hund. Kick nach vorne und wieder aufrichten. Das tiefe aber entspannte Atmen intensiviert die für das Vinyasa-Yoga typischen, fließenden Bewegungsabläufe. Allen Warnungen zum Trotz („gebt nicht alles“) gebe ich alles. Ich fühle mich trotzdem unterfordert und frage nach dem Kurs, ob wir nicht ein paar anstrengendere Variationen einbauen könnten. Hätte ich doch bloß bis zum nächsten Morgen gewartet …

 

 

Nach der ersten Yoga-Stunde meines Lebens war ich vor allem: überrascht. Weder verschwitzt noch ausgepowert trat ich mit Lotta, ihrerseits Kurs-Partnerin, Yoga-Profi (sie findet es bestimmt blöd, wenn ich das schreibe, aber ich bin mir sicher, sie ist einer 😉 ) und gestandene herabschauender-Hund-Praktizierende (die schwerste Übung, finde ich) den Heimweg an. Im Gegenteil – so entspannt wie schon lange nicht mehr spazierten wir an der Elster entlang zur Bahn. Die Sonne schien, der Wind blies uns die Haare aus dem Gesicht und ich fühlte mich wohl. Muskelschmerzen? Nö. Rotes Gesicht und Schweiß, der mir von der Nase tropft? Nö. Schnappatmung während der Übungen? Auch nicht. Komisch, nach eineinhalb Stunden Sport. Normalerweise müsste ich jetzt völlig fertig auf dem Sofa in der Küche sitzen und drei Liter Wasser trinken. So ist das jedenfalls, wenn ich meine Runde durch den Park gedreht habe. Wobei, Yoga und Joggen, das lässt sich wohl schwerlich vergleichen.

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Das Rennen an der frischen Luft macht mir Spaß, gibt mir Energie und lässt mich für einen Moment lang alles ausblenden. Ich laufe einfach, immer weiter, zur Musik, bis ich vor lauter Freude anfange, zu grinsen. Ich weiß nicht, woher diese Freude kommt. Wichtig ist eigentlich nur, dass sie kommt und ich mich am Ende kaputt aber glücklich die Treppenstufen bis zu unserer Wohnung hochschleppe (dritter Stock Leute, ich sage euch, daran gewöhnt man sich nie). Beim Joggen gebe ich alles. Beim Yoga die Hälfte. Und trotzdem ist der Entspannungs-Effekt größer. Denn ich versuche, nach Anleitung unserer (übrigens großartigen) Yoga-Lehrerin, bewusst darauf zu achten, wie ich atme und die Muskeln in meinem Körper an- und wieder entspanne. Die spirituellen Elemente beim Yoga mögen anfangs ein wenig befremdlich wirken. Für mich aber gehören sie unbedingt dazu. Sie machen den Unterschied. Nicht nur in den eineinhalb Stunden kann ich (meinen Kopf) abschalten, ruhiger werden, mich auf mich und meinen Körper konzentrieren – Yoga entspannt mich, anders als das Joggen, nachhaltig.

 

 

Ich habe Yoga als eine Mischung aus aktivem Körpereinsatz und bewusster Entspannung erlebt. Und möchte nach drei Stunden am liebsten einen zweiten Kurs buchen. Der Muskelkater kam übrigens am nächsten Morgen. Und wie. 😉 Die anstrengenderen Variationen mache ich deswegen nicht alle mit. Und Joggen gehe ich trotzdem noch. Mit meiner neuen Yoga-Hose.