Bücher für den Sommer (’18)

Ich stehe am Flughafen. Vor mir eine lange Schlange. Wie das eben für Flughäfen so üblich ist, überall stehen die Menschen und warten … auf ihr Gepäck, auf ihren Flug, darauf, dass endlich eine der Steckdosen in der Sitzecke frei wird. Ich warte vor dem Schalter der Gepäckaufgabe. Und ich habe meine Powerbank einpackt, um dem Steckdosenproblem aus dem Weg zu gehen – ein bisschen schadenfroh beobachte ich die Wartenden in der Sitzecke gegenüber, die garantiert nur wegen der drei (noch) besetzten Steckdosen im eisigen Luftzug der Klimaanlage verharren. Ich schwitze, obwohl es wirklich kalt ist hier drin. Aber die Rollen von meinem Koffer sind kaputt, das heißt, ich muss ihn alle dreißig Sekunden ein Stückchen weiter in Richtung Schalter hieven, und bei seinem Gewicht ist das ein anstrengendes Unterfangen. Die alte Dame in der Schlange neben mir guckt schon ganz mitleidig zu mir rüber. Sie hat blaßrosa gefärbtes Haar und trägt ein zartes Seidentuch um den Hals. Ihr Koffer steht so vor ihr, dass ich ihn ohne Probleme von Weitem bewundern kann: Seine Hartschalen glänzen, die Griffe sind aus echtem Leder (das sieht man doch!) und die Rollen sind natürlich in einwandfreiem Zustand. Die Frau braucht ihren Koffer bloß anzutippen, und schon setzt er sich in Bewegung, langsam aber sicher rollt er den Nachrückenden hinterher. So einen Koffer will ich auch. Wenn mein Gesichtsausdruck beim Anheben des Koffers vor mir (rot, eingedellt, Griffe aus Plastik) noch ein bisschen schmerzverzerrter wäre, würde mir die Dame glatt neue Rollen schenken, darauf wette ich. Leider kommt es nicht mehr dazu, denn der Tresen mit der miesepetrig dreinschauenden Flughafenangestellten rückt (endlich!) näher. Zwei Minuten später wird mein Reisepass verlangt. Artig schiebe ich ihn über den Schalter. Mein offenes Lächeln wird eiskalt ignoriert. Naja, wenn ich hier schon seit fünf Stunden (es ist sieben Uhr morgens) sitzen würde, wäre ich auch nicht mehr gut gelaunt. Ich wäre sogar außerordentlich genervt. Von denen, die drängeln und von denen, die nach dem WLAN-Passwort fragen und von denen, die es einfach nicht auf die Reihe kriegen, ihre Koffer so zu packen, dass das Gewicht unter der Obergrenze liegt. Deswegen kommt es nämlich auch zu diesen langen Schlangen. Extragepäck muss beantragt werden, ein Formular ausgefüllt, und so weiter, das kostet alles Zeit! Und –
„Ihr Koffer ist zu schwer.“
– Geld. Ups.
„Entweder Sie packen um, oder Sie beantragen Extragepäck.“ Die miesepetrige Flughafenangstellte knirscht gereizt mit den Zähnen. Ich habe ein bisschen Angst vor ihr. Aber ich kann nicht umpacken, ich reise allein, mit einem Gespäckstück. Und ich habe kein Geld. Jedenfalls keins, das ich für Extragepäck ausgeben will.
„Oder?“
„Sie schmeißen weg.“ Die Flughafenangstellte schaut mich herausfordernd an. Als wolle sie mir damit sagen: Niemand schmeißt einfach etwas weg, und Sie tun das auch nicht, also bezahlen Sie jetzt einfach. Und dann gehen Sie und ich muss Sie und ihren verbeulten, roten Koffer mit den Plastikgriffen und den kaputten Rollen nie wieder sehen.
„Ich komme gleich wieder“, sage ich und schleppe mich und meinen Koffer zum nächsten Mülleimer.
Die Dame mit dem blaßrosa gefärbten Haar steht direkt neben ihm. Sie hat nun bloß noch ihre Handtasche bei sich (ein klassisches, schwarzes Modell). Ihr Koffer wurde mit Sicherheit schon im Bauch des Flugzeuges verstaut. In der VIP-Abteilung für Luxus-Gepäckstücke. Sie trinkt Tee aus einem Pappbecher (ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie Kaffee trinkt, solche Damen trinken immer Tee, am liebsten schwarzen, mit einem Teelöffel Zucker und einem Spritzer Zitrone). Und sie sieht mich kommen.
„Guten Tag“, sage ich höflich.
„Ach, Sie sind das, mit dem roten Koffer! Wissen Sie, früher habe ich auch immer solche Reisen gemacht, allein in fremde Länder, nur mit einem kleinen Rucksack unterwegs. So einen brauchen Sie auch, so einen Rucksack.“
„Aber da würden niemals meine ganzen-„, sage ich und klappe meinen Koffer auf.
Die Dame schnappt nach Luft. Ein bisschen Tee schwappt über den Rand des Bechers auf ihre (farblich zu den Haaren passende) blaßrosa Bluse.
„-Bücher reinpassen“, beende ich meinen Satz.
„Ach du lieber Himmel“, sagte die Dame und schlägt die Hand vor den Mund. „Das sind ja … Hunderte!“
„Nicht ganz“, erwidere ich, „es sind fast 30“.
„30! Meine Güte, Kind, was wollen Sie denn mit diesen vielen Büchern anstellen?“
„Na, lesen natürlich!“
„Aber die können Sie doch unmöglich alle im Urlaub gelesen haben!“
Das ist richtig. Ich war schließlich nur eine Woche unterwegs.
„Naja, Zuhause habe ich ja noch genügend Zeit“, sage ich.
Die Dame guckt etwas verwirrt. Ich kann es ihr nachfühlen.
„Wissen Sie“, sage ich, „in jedem Hostel, in dem ich geschlafen habe“, und das waren genau fünf, „gab es ein Regal, in das Leute ihre ausgelesenen Bücher gestellt haben. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen.“ Und habe ein paar mitgenommen. Das war wie kostenloses secondhand-shopping.
„Aha“, sagt die Dame mit dem blaßrosa Haar. „Ich verstehe.“ Tatsächlich?
„Und nun ist ihr Koffer zu schwer.“
„Exakt“, sage ich, krame mich durch den Bücherberg und ziehe ein Exemplar von Jane Austens Pride and Prejudice hervor. Das kann weg. Ich hatte es nur wegen des schönen Einbandes mitgenommen. Als meine Hand schon über dem Mülleimer schwebt, stößt die Dame einen entsetzten Laut aus.
„Nicht!“
„Wieso nicht?“
„Sie können diese wunderschöne Ausgabe doch nicht einfach so wegschmeißen!“
„Aber ich muss, sonst komme ich nicht nach Hause!“
„Papperlapapp“, sagt die Dame. „Ich nehme es. Geben Sie her.“
Und schon ist Pride and Prejudice in ihrer Handtasche verschwunden.
„Was haben Sie denn da noch alles in ihrem Koffer?“
Jetzt ist sie neugierig geworden. Ich hole das Buch mit dem Kaffeeklecks auf dem Cover hervor. Es trägt den Titel

The Help

„Oh! Das müssen Sie behalten. Sie müssen. Ein wunderbares Buch.“
Die Dame fährt liebevoll mit ihren Händen über die rote Schrift. Ich glaube ihr. Was bleibt mir auch anderes übrig – einer Dame von diesem Kaliber widerspricht man nicht. Ich stecke das Buch zurück in den Koffer.
„Sehr gut Schätzchen. Sie werden diese Geschichte lieben. Drei Frauen, Mississippi in den 60er Jahren. Ein Projekt, das Politik und Gesellschaft verändern soll. Der gemeinsame Kampf um Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Spannend. Mitreißend. Brilliant geschrieben. Ein Ausnahme-Werk.“

Und so geht es weiter. Die Dame mit dem blaßrosa Haar entscheidet, welche Bücher im Koffer bleiben dürfen, die restlichen landen entweder in ihrer Handtasche (die von außen viel kleiner aussieht, als sie tatsächlich ist) oder werden an die Wartenden in der Sitzecke verteilt. Bevor ich meinen Koffer wieder zumache, zähle ich noch einmal durch. Nur insgesamt fünf Bücher sind übrig geblieben.

Der Schwarm

„Schätzing!“, ruft die Dame erfreut.
„Wer?“
„Frank Schätzing!! Ein Meister der Kombination von Fiktion und Realität. Sie werden so viel lernen von diesem Buch. Es geht um einen noch weitgehend unerforschten Teil der Erde: die Tiefsee. Um ihre Geheimnisse und den Untergang der Welt. Um Biologie und Physik. Das ist Science-Fiction erster Klasse, gepaart mit Gesellschaftskritik. Behalten Sie es.“
Ich behalte es.

Origin

„Ich liebe Dan Brown“, sage ich. „Das kann ich nicht weggeben.“
„Dann werden Sie Schätzing auch lieben“, sagt die Dame und ihre Augen leuchten.
„Sie sind ein großer Fan, was?“
„Jawohl! Aber Brown ist auch nicht schlecht. Gut informiert. Einwandfreier Schreibstil. Und um seine Kreativität ist er wirklich zu beneiden. Selbst mich hat der Verlauf der Geschichte mehrmals überrascht.“ Die Dame seufzt. „Packen Sie es wieder ein“, sagt sie ungeduldig, „und zeigen Sie mal das Buch da unten her!“ Ich tippe mit dem Zeigefinger auf das Cover, das zur Hälfte durch eine geringelte Strumpfhose verdeckt wird.
„Ja! Genau das!“
Ich nehme das Buch aus dem Koffer. Es ist dick und schwer und hat einen wunderschönen, blauen Einband.

Eragon

lese ich laut. „Das Vermächtnis der Drachenreiter.“
Die Dame mit dem blaßrosa Haar nimmt es mir aus der Hand. Bedächtig schlägt sie es auf. Ihre Augen wandern über die Seiten. „Bücher sind meine Freunde, meine Gefährten. Sie bringen mich zum Lachen und Weinen und geben meinem Leben Erfüllung“, liest sie vor. „Paolini ist ein Meister des epischen Abenteuerromans.“
„Sie lesen Fantasy?“
„Aber natürlich, Kind! Das Fantastische weitet den Blick und lässt die Seele eine Pause machen.“
Ich bin widerwillig beeindruckt. Und lasse das Buch zurück in den Koffer gleiten.

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

„Kurzweilig, spannend, unterhaltsam“, sagt die Dame, den Blick auf die Taschenbuchausgabe geheftet.
So langsam wird sie mir unheimlich. Es ist, als würde ich mit einer fleischgewordenen Enzyklopädie sprechen. Autoren des 21. Jahrhunderts und ihre Werke. Eine sehr subjektive Einschätzung.
„Gesellschaftsanalyse von Robin Sloan“, sagt die Dame jetzt und nickt begeistert, „subtile Gesellschaftsanalyse. Umwoben mit ganz und gar nicht alltäglichen Entdeckungen um eine mysteriöse und uralte, geheime Organisation. Eine abenteuerliche Geschichte. Im Endeffekt geht es um Unsterblichkeit. Das wird Ihnen gefallen.“
Daran zweifele ich nicht.

Probeweise hebe ich den nun wieder verschlossenen Koffer hoch. Das geht jetzt viel leichter. Mein Blick schweift hinüber zum Gepäckaufgabe-Schalter. Die miesepetrige Flughafenangestellte will gerade ihren Platz verlassen. „Halt“ rufe ich und winke, „ich komme!“ Die Dame mit dem blaßrosa Haar zwinkert mir zu.
„Gehen Sie! Sonst verpassen Sie noch ihren Flug! Aber nehmen Sie die hier mit.“
Sie zieht vier dunkelgraue Kofferrollen aus ihrer Tasche hervor. Ich habe keine Zeit mehr, um mich darüber zu wundern, strecke nur zögerlich meine Hand aus und nehme sie an mich. „Dankeschön“, sage ich und schaue ihr noch einmal prüfend ins Gesicht.
„Nichts zu danken, Kind. So viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr.“
Als ich mich auf dem Weg zum Schalter noch einmal umdrehe, ist sie verschwunden.
Das war ja klar.

P.S.: Die magischen Rollen passen. Und mein Koffer bewegt sich nun grazil wie ein (bestimmtes) Luxus-Modell durch die Menschenmenge am Flughafen in Berlin. Endlich angekommen, zu Hause. Die Wahrhaftigkeit meiner Begegnung mit der Dame mit dem blaßrosa Haar wird mir wohl niemand abnehmen. Egal. Ich bin jetzt im Besitz von fünf Büchern, die ich unbedingt lesen muss.