Herrlich, herrlich, jung zu sein

Ich fürchte mich vor Vergänglichkeit. Vergänglichkeit ist kein fester Bestandteil meines Weltbildes. Sie erscheint mir wie eine Abweichung von der Regel. Ein Fehler im System. Eine sehr seltene Krankheit. „Warum passiert das?, es sollte doch eigentlich anders sein“. Vergänglichkeit anzunehmen, statt sie zu fürchten, klingt nach einer sinnvollen Entwicklungsaufgabe. Vielleicht ist man dann seltener enttäuscht.

Ana

Das schreibt Ana auf ihrem Blog the disaster diary. Ich fürchte mich auch vor Vergänglichkeit. Sie sitzt mir im Nacken und flüstert mir ins Ohr. Dann macht sie die schönsten Momente kaputt. Sie sagt: Gleich ist es vorbei. Vielleicht wird es nie wieder so.
Wenn ich könnte, würde ich die Zeit anhalten. Erinnerungen reichen mir nicht, ich möchte solche Momente in einer kontrollierten Ewigkeit auskosten. Aber das Leben ist dynamisch, und Mama und Therapeutin würden jetzt sagen, das ist auch gut so. Ich will ja nicht so bleiben, wie ich bin, ich will mich weiterentwickeln. Groß werden, alt werden, jung bleiben. Das geht alles. Wie geht das jetzt?

Die Vergänglichkeit lastet, sie drückt, sie ist schwer. Neben anderen Dingen. Erwartungen, zum Beispiel. Ich will mich nicht vor Verantwortung verstecken. Wir sind dran, wir retten die Welt, sonst ist es zu spät. Ich gehöre zu einer Generation junger, starker Frauen – die sich emanzipieren ohne darüber nachzudenken und es oft besser wissen, die sich behaupten können und sich von Strukturen lösen, die mal angezeigt haben, was richtig und was falsch ist.

Da wo ich wohne, reden wir über offene Beziehungen, über Polygamie und viel anderes, „das nicht mehr definiert werden muss“. Ist es rückschrittlich, sich eine sehr definierte, feste Beziehung zu wünschen? Bin ich nicht offen genug? Macht mich das zu einem Menschen, der nicht in diese Gesellschaft passt, wenn es mein Bedürfnis ist, nur einen Menschen zu lieben, der ebenfalls nur mich in dieser Weise liebt? Vielleicht bin ich spießig.

Offenheit bestimmt das Leben hier. Wir, das sind meine Freundinnen, Freunde und ich, sollen uns selbst eine (politische) Meinung bilden. Wir entscheiden uns nicht für einen Weg in die Zukunft, wir probieren aus und verlieren vielleicht die Orientierung. Wertvolle Zeit geht verloren. Die Vergänglichkeit flüstert nicht mehr, sie schreit uns ins Ohr – Tinnitus. Alle wollen alles auf einmal. Tausend Möglichkeiten, herrlich, aber was tue ich, was tue ich? Mein Wegweiser ist die Leidenschaft. Wer vielfältig begabt ist, bedient all seine Leidenschaften gleichzeitig und wird „ganz nebenbei“ erfolgreich. So einfach ist das.

Es gilt, stark zu sein. Ich verliere mich oft im Gegenteil, in Schwäche, in Stillstand und befürchte, ausgemustert zu werden. Es gilt, genug zu sein. Ich bin aber noch nicht einmal genug für mich selbst. Selbstbewusstsein macht attraktiv, ich werde also selbstbewusst, damit andere mich attraktiv finden. Aber eigentlich bin ich furchtbar, das denke ich. Weil ich das alles nicht für mich selbst mache, sondern für die anderen. Immer für die anderen.

Was interessiert mich? Nein. Was sollte mich interessieren? Der Klimawandel. Nachrichten. Wie Europa (vielleicht bald nicht mehr) funktioniert. Master-Studiengänge im Ausland. Liebe zu fünft.
Was fühle ich? Nein. Wie sollte ich mich fühlen? Frei. Stark. Unabhängig. Bereit, mein Leben in die Hand zu nehmen.

Ich bin bereit. Aber ich mache das auf meine Art und Weise. Manchmal ist mir, als sei ich ein Mensch ohne Haut, nur noch Knochen und Herz, Bauch und Kopf. Langsam löse ich mich auf, zerfließe in alle Richtungen – es ist kein unangenehmer Gedanke. Wer nicht mehr da ist, muss auch niemandem mehr gerecht werden. Aber ich liebe und lebe und genieße; lerne, durchlässig mit Kontur zu sein.
Herrlich, herrlich, jung zu sein. Und, verdammte Scheiße, schwer ist es auch.