Sommerregen im Mai

Der Regen schwemmte Schmutz und Müll durch die Straßen, es roch nach der Feuchtigkeit in der Luft. Fahrradfahrer wichen großen Pfützen aus, mit quietschenden Bremsen, und Fußgänger liefen geduckt, die Gesichter unter Kapuzen verschwunden, oder mit bunten Regenschirmen an mir vorbei. Ich saß auf dem Bordstein der Hildegardtstraße. Meine weißen Turnschuhe waren mittlerweile völlig durchweicht, weiß waren sie eigentlich längst nicht mehr. Wasser lief meine nackten Arme hinab, die Beine hinunter, es schmatzte in den Schuhen. Meine Haare trieften. Der Regen schmeckte süßlich und salzig nach Schweiß. Rhythmisch prasselte er auf das Kopfsteinpflaster und gegen Fensterscheiben, ertrug die schwere Hitze der vergangenen Tage, trug sie aus der Stadt, reinigte die Luft, dass sie zum Atmen taugte. Ein Sommerregen im Mai, den ich liebte, wie blauen Himmel oder dicke, feuchte Schneeflocken. Ein Sommerregen im Mai, den ich im Geist und körperlich spürte, was gut tat. Ich spürte, wie sich die Energie neue Bahnen schlug. Ich spürte, wie sie von oben nach unten und in die Seiten strömte, in Kreisen meinen Kopf verließ und in meine Gliedmaßen fuhr. Trotzdem konnte ich noch nicht aufstehen. Auf der Bordsteinkante sitzend blickte ich auf die Geschäfte der gegenüberliegenden Straßenseite: ein Laden für Haushaltswaren, ein Buchladen und ein Café, durch dessen große Fenster zu sehen war, wie Menschen ihre nassen Jacken ablegten und sich zueinander setzten. Vor der halboffenen Tür unter dem Dachvorsprung standen zwei junge Männer und rauchten. Sie unterhielten sich auch, aber der Regen rauschte wie eine durchsichtige, flüssige Wand zwischen mir und ihnen hinunter und verschluckte das Gesagte. Nur hin und wieder erreichten mich einzelne Worte: „… nur ein kleiner Auftrag“ und „ich hatte … rotes Kleid … letzter Akt“. Ich bekam Lust auf eine Zigarette. Fröstelnd schlang ich meine Arme um die Beine und ließ die Stirn auf meine Knie sinken. Die Regentropfen waren jetzt nicht mehr groß und warm, sie fühlten sich an wie kleine Nadelstiche unter der Haut. Ich war allein auf dieser Welt, was nicht stimmte, und doch überzeugte mich dieser Gedanke irgendwie … Irgendwie war mir, als hätte man mich allein gelassen, zwischen Häuserschluchten und stinkenden Mülltonnen und lärmenden Kneipen, dem kalten Wasser der umliegenden Seen und ausgedörrten Grünflächen. Die Stadt war nicht hässlich, sie war wunderschön. Da saß ich aber allein im Regen. Ich wollte doch aufstehen. Zitternd hob ich den Kopf. Ich schaute in den Himmel.

Es hörte nicht auf. Eine Viertelstunde später saß ich immer noch da und ließ Tropfen für Tropfen über meine geschlossenen Augen laufen.
„Hey“, sagte jemand laut. Das störte. Ich ließ die Augen zu.
„Hey“, sagte jemand ein zweites Mal. Ich blinzelte und wischte, bis ich etwas sah. Verschwommen vor mir erkannte ich den jungen Mann, der sich bis eben mit dem anderen vor dem Café unterhalten hatte. Seine Stimme war tief, ein bisschen kratzig. Bestimmt wegen der Zigaretten. Fragend blickte ich ihn an.
„Was machst du da unten, alles klar?“
Meine Stimme wollte nicht.
„Willst du eine Zigarette?“
Ich nickte.
Der Typ setzte sich rechts neben mich auf den Bordstein. Es stipperte nur noch, die dunklen Wolken hatten sich verzogen. Der Himmel war jetzt hellgrau. Ich schaute mir den Mann genauer an, als er Tabak, Papers und Filter aus seiner Manteltasche holte. Seine Jacke war an den Ärmeln schon ganz abgenutzt, außerdem fehlten zwei Knöpfe. Er hatte langes Haar, das feucht war und sich wellte, es reichte ihm bis zu den Schultern. Seine Nase war ein wenig zu lang für sein Gesicht oder eben markant, wie die dunklen, blauen Augen unter dichten Brauen, die in die Höhe schnellten, als er merkte, dass ich ihn beobachtete.
„Ich bin übrigens Ben“, sagte er und hielt mir seine Hand hin, einen Filter am Mundwinkel.
„Martha“, sagte ich leise und bewegte mich nicht.
Kopfschüttelnd zog er seine Hand zurück und drehte die Zigarette. Er zündete sie an, nahm den ersten Zug und reichte sie dann an mich weiter. Ich atmete tief ein. Der Rauch strömte in meine Lungen, es stach ganz fürchterlich, ich musste husten. Trotzdem schmeckte sie mir. Ich zog noch einmal. Der Typ, Ben, schaute mich von der Seite an.
„Was machst du hier unten?“
Das war eine schwierige Frage. Vermutlich wartete ich bloß.
„Ich warte“, sagte ich deswegen.
„Aha,“ sagte Ben. „Und auf was?“ Ich wollte ihm die Zigarette zurückreichen, aber er schüttelte den Kopf.
„Auf was wartest du?“
„Darauf, dass es aufhört, zu regnen“, sagte ich. Und darauf, dass ich endlich aufstehen konnte, aber das sagte ich nicht. Er hielt mich sicherlich sowieso schon für bescheuert.
„Aha“, sagte Ben wieder. „Macht es dir etwas aus, wenn ich mit dir warte?“ Er drehte schon die nächste Zigarette.
„Warum?“, fragte ich.
„Weiß nicht, vielleicht willst du ja lieber allein sein.“
„Nein, ich meine, warum willst du hier mit mir warten?“
„Keine Ahnung. Ich habe noch nie im Regen gewartet, bis der Regen aufhört. Klingt irgendwie ganz verlockend“, sagte Ben und lachte. Er schien ein ehrlicher Mensch zu sein. Er zupfte einen losen Tabakfaden aus seiner Zigarette und schaute mich prüfend an. Das war mir nicht unangenehm. Tatsächlich genoss ich seine Aufmerksamkeit, sie lenkte mich ab.
„Also“, sagte er. Und dann „hm“ und dann zuckte er mit den Achseln.
„Ben?“, sagte ich.
„Ich bleibe bei dir“, sagte er. Mein Herz klopfte laut. Meine kalten Füße wurden warm. Er nahm meine Hand und ich wachte auf.